Deutsche Sprachversion English version Russian version

Schulspeisung im Dorf Esso, Zentral-Kamtschatka

Humanitäres Hilfsprojekt von 2000 bis 2009

Die Wende hin zu Demokratie und freier Marktwirtschaft hat in Russland für die zahlenmäßig kleinen indigenen Minderheitenvölker  v.a. an der nördlichen und östlichen Peripherie des Landes wenig Gutes gebracht. Die gegenwärtige Politik nimmt ihre Sorgen und Interessen kaum wirklich ernst.

Zwar kann, wer marktwirtschaftlich denkt und handelt, seinen Platz in der postsozialistischen Gesellschaft behaupten. Die meisten Einheimischen Sibiriens und des Russischen Nordens und Fernen Ostens jedoch befinden sich in einer verzweifelten Lage: Politische Desorientierung, mangelnde Ausbildung und Unerfahrenheit in geschäftlichen Gepflogenheiten verhindern die wirksame Durchsetzung eigener Interessen.

Der Ferne Osten ist abgekoppelt von den einstmaligen Versorgungszentralen im europäischen Russland. Staatliche Gelder fließen, wenn überhaupt, nur noch in dünnen Rinnsalen von dort. Waren haben aufgrund hoher Transportkosten überteuerte Preise. Löhne werden unregelmäßig ausbezahlt. Die Arbeitslosigkeit hat massiv zugenommen. Ganze Wirtschaftszweige wie z.B. die Rentierzucht, die traditionelle Wirtschaftsform mehrerer indigener Völker im Nordosten Russlands, brechen zusammen. Vielerorts herrscht bittere Armut.

Der Bystrinski-Bezirk in Zentral-Kamtschatka ist ein sog. "nationaler Bezirk", da ein hoher Anteil seiner Bevölkerung durch indigene Gruppen, (Ewenen, Itenmen, Korjaken) vertreten ist. Die Ewenen und Korjaken lebten einst als nomadisierende Jäger und Rentierhalter. Von 1920 an wurden sie zusammen mit dem Fischervolk der Itenmen in Dörfern angesiedelt. Während weniger Jahrzehnte gelang es dem Apparat des Sowjetsystems, diese Völkerschaften kulturell fast gänzlich zu entwurzeln.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion stellten sich Jagd und Rentierzucht, die traditionellen Erwerbsformen der Ewenen und Korjaken, die vom Staat hoch subventioniert worden waren, auf dem freien Markt sehr bald als unrentabel heraus. Es folgten zahlreiche Entlassungen aus den nunmehr privatisierten Betrieben. Im Dorf Esso, der Verwaltungszentrale des Bystrinski-Bezirkes, haben damit erfahrene Jäger und Hirten, deren Wissen und Erfahrung ehemals von unschätzbarem Wert für das Überleben ihrer Gemeinschaft war, jegliche Lebensperspektive verloren. Das soziale Elend wächst von Jahr zu Jahr, verschont auch die ganz Kleinen nicht.

Manchmal fallen Kinder während der winterlichen Schulzeit vor Hunger in Ohnmacht. Die Eltern können aus Mangel an Geld nicht genug Nahrung für sie bereitstellen, von ordentlicher Kleidung ganz zu schweigen. Die Verwaltung von Esso aber ist nicht in der Lage, Abhilfe zu schaffen und mittägliche Speisungen zu finanzieren. Das Budget reicht nur zur Verteilung eines dürftigen Frühstücks, das für manche Kinder die einzige Mahlzeit für den Tag bleibt. Die Tuberkulose, eine Begleiterscheinung der Armut, greift zunehmendum sich.

Seit 2000 finanzieren wir eine Schulspeisung: die bedürftigsten Kinder der Dorfgrundschule - das sind z.B. solche aus kinderreichen Familien, Kinder Alleinerziehender oder arbeitsloser Elternpaare und tuberkuloseinfizierte Kinder - erhalten täglich ein kostenloses, warmes Mittagessen. Hierfür ist jährlich ein Mindestbetrag von rund 7.000 € nötig.

In Absprache mit der Schulleiterin und den Klassenlehrerinnen finden pro Schuljahr rund 70 Kinder, die meisten von ihnen Kinder indigener Eltern, Aufnahme in das Projekt. Die täglichen Kosten pro Kind und Mahlzeit betragen umgerechnet kaum mehr als 1 €.

Mit anderen Menschen den eigenen Wohlstand teilen, ist eine Sache, mit ihnen ihre Sorgen teilen, eine andere. Wir wollen nicht nur materielle Hilfe in akuter Not geben, sondern auch ein Zeichen dauerhafter Völkerfreundschaft und Verbundenheit setzen. Aufgrund der schwierigen politischen Verhältnisse engagiert sich in Zentral-Kamtschatka bisher keine der namhaftendeutschen oder internationalen Organisationen zur Entwicklungszusammenarbeit. Obwohl die Halbinsel am anderen Ende der Welt liegt, kann aber Europa dennoch zeigen, dass gegenüber dem Schicksal der fernen Nachbarn nicht Gleichgültigkeit herrscht.

Wir versichern: Spenden fließen direkt in den Kauf von Lebensmitteln. Es werden von dem Geld keine Personalkosten vor Ort gedeckt. Da das Projekt durch ehrenamtliches Engagement auf deutscher und russischer Seite gestützt wird, ist für den Verwaltungsaufwand ein minimaler Teil des verfügbaren Budgets nötig.