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Unsere Zukunft geht durch ein Nadelöhr

Handarbeitswerkstatt im Dorf Anawgai, Zentral-Kamtschatka - Eine Fraueninitiative zu wirtschaftlicher Eigenständigkeit und zur Bewahrung des traditionellen Handwerks



Elf Zeitzonen von Europa entfernt liegt Kamtschatka am nordöstlichen Rand Russlands. Im gebirgigen Zentrum der langgestreckten Halbinsel befindet sich der Bystrinski-Bezirk, dessen Territorium rund 24.000 km2 einnimmt.

Das Klima ist hier von kontinentaler Natur: Während des Winters treten starke Fröste auf (niedrigste Temperatur: -50°C). Der Schneefall bleibt vergleichsweise gering. Die Sommer können heiß und trocken werden (maximale Temperatur: +28°C). Im Herbst und Frühling sind die Wetterverhältnisse unbeständig. Kältephasen und Wärmeeinbrüche wechseln sich ab.

Den Bystrinski-Bezirk erreicht man von der Hauptstadt Petropawlowsk an der südöstlichen Küste Kamtschatkas über eine rund 500 km lange Schotterstraße. Es gibt tägliche Busverbindungen. Eine einfache Fahrt dauert unter guten Bedingungen 9 bis 10 Stunden.
Die Verwaltungszentrale des Bezirkes befindet sich im Dorf Esso, das knapp 2.200 Einwohner zählt, wovon etwas weniger als ein Drittel zu indigenen Ethnien (Ewenen, Korjaken, Itelmenen) gehört. Die nächstgrößere Siedlung im Bezirk repräsentiert das 25 km entfernte Anawgai mit rund 300 Einwohnern, welche zu 90% Vertreter indigener Ethnien sind. Etwa 130 Menschen leben im Bezirk außerhalb von Siedlungen in Wald und Tundra als Fischer, Jäger und Rentierhirten.

Im Bystrinski-Bezirk sind keine international agierenden Banken vertreten, so dass man sich für Finanzgeschäfte, die zwischen In- und Ausland stattfinden sollen, nach Petropawlowsk begeben muss.
In den Dörfern des Bezirkes fällt aus technischen Gründen gelegentlich der Strom aus und telefonische Verbindungen funktionieren nicht immer zuverlässig. In Esso und Anawgai gibt es bisher nur begrenzte Möglichkeiten zur Nutzung von Fax-Geräten und Internetanschlüssen.

Die Ewenen - zahlenmäßig am stärksten vertretene indigene Ethnie im Bystrinski-Bezirk, zugleich aber ethnische Minderheit
Das Volk der Ewenen, das zur Gruppe der Nordtungusen gehört und mit den Ewenken Mittelsibiriens nahe verwandt ist, lebt weit über den Nordosten Sibiriens verstreut. Nach Kamtschatka waren erst während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts Teile mehrerer Klane vom Festland, vor allem aus den Gebieten an der nordöstlichen ochotskischen Küste sowie an der Kolyma im Nordosten Jakutiens, eingewandert. Die Mehrzahl der Ewenen - mit insgesamt rund 18.000 Personen eine ethnische Minderheit - ist in kontinentalem Gebiet, v.a. in Jakutien und in der Region um Magadan, registriert.
Die kleine ewenische Diaspora auf Kamtschatka zählt etwa 1.500 Zugehörige. Ein Großteil von ihnen, ca. 900 Personen, sammelt sich im Bystrinski-Bezirk. Hier bilden sie die quantitativ am stärksten vertretene indigene Ethnie neben den Korjaken und Itelmenen.
Ursprünglich waren die Ewenen nomadisierende Jäger, Fischer und Rentierhalter.Das Rentier bot ihnen eine wichtige Stütze bei der Beschaffung ihres Lebensunterhaltes. Neben Nahrung gab es ihnen Material für Kleidung, Behausung und auchArbeitsgeräte. Außerdem ließ es sich für Transportzwecke einsetzen.

Im Rahmen der allgemeinen Sowjetisierung wurden die Ewenen in den 1920er und 1930er Jahren dazu veranlasst, ihre nomadische Lebensform weitgehend aufzugeben. Wie in ganz Russland, so fanden auch auf Kamtschatka Enteignung und Zwangskollektivierung statt. Für die ewenischen Hirten bedeutete dies die Abgabe ihrer Rentiere.
In fast allen Lebensbereichen mussten sich indigene Minderheiten während der jahrzehntelangen Sowjetherrschaft an die russische Kultur anpassen. Seit dem Zerfall der Sowjetunion werden verschiedene Versuche zur Wiedererweckung der traditionellen ewenischen Kultur gemacht. Die Gesetze der neueingeführten Marktwirtschaft drohen jedoch, diese Versuche scheitern zu lassen. Wirtschaftliches, soziales und psychisches Elend zeigen sich unter den Einheimischen in zunehmendem Maße.

In Anawgai ist die Arbeitslosenrate sehr hoch. Die Einwohner des Dorfes gehören zu mehr als 90 Prozent indigenen Gruppenan. Diese sind es, die in erster Linie von der Arbeitslosigkeit betroffen sind. Viele der Familien leben am Rande des Existenzminimums.

Zu Anfang des Jahres 2002 beschloss Natalja Kirjakowna Kutscherenko, eine 1965 in Anawgai geborene Ewenin, eine Nähwerkstatt zu gründen. Sie wollte den arbeitslosen Frauen des Dorfes die Möglichkeit verschaffen, durch den Verkauf selbstgenähter Leder- und Pelzwaren Geld zu verdienen. Außerdem wollte sie dazu beitragen, das traditionelle Kunsthandwerk der Ewenen und Korjaken zu bewahren. So suchte sie also nach einem Weg, um auch junge Frauen für diese Sache zu interessieren. In jungen Jahren hat sie eine Ausbildung an einem Handelstechnikum abgeschlossen. 17 Jahre arbeitete sie bei den Rentierherden. In Anawgai spricht man viel Gutes von ihr:sie beherrscht das Nähhandwerk, arbeitet gern und mit hohem Anspruch an sich selbst und - sie trinkt nicht.




Buchführung muss sein, auch wenn Natalja sich gar nicht gern damit befasst.

Natalja Kirjakowna konnte für das Projekt die Unterstützung der Mittelschule von Anawgai sowie des Technikums von Milkowo im Nachbarbezirk gewinnen. Die Werkstatt ist nun im ehemaligen Gebäude der Sowchose-Badeanstalt untergebracht. Es muss keine Miete für die Räumlichkeiten gezahlt werden, da das Gebäude inzwischen der Schulverwaltung von Anawgai unterstellt ist. 400 qm2  bzw. 6 Räume stehen den Mitarbeiterinnen insgesamt zur Verfügung:

Das ehemalige kleine Schwimmbecken wird zur Aufbewahrung von Fellen genutzt. In einem weiteren Raum steht eine alte, primitive Zentrifuge zum Einweichen von Fellen sowie zwei Apparate (aus ehemaligen Waschmaschinen konstruiert) zum Vorschleifen von getrocknetem Leder. In diesem Raum arbeiten auch die Frauen, die die Felle manuell bearbeiten, d.h. mit Pferdemist einreiben (gerben) und danach in vielen Durchgängen weichschaben. Im benachbarten Raum sitzen die Frauen an Tischen nebeneinander und nähen. Hier befinden sich auch zwei alte, aber funktionstüchtige Nähmaschinen. In einer Ecke dieses Raumes halten die Frauen ihre Teepausen ab. In einer anderen Ecke stellen sie ihre Machwerke für den Verkauf aus. Ein weiteres kleines Zimmerchen dient Natalja Kirjakowna als Büro. Hier bewahrt sie auch die teureren Geräte und Materialien auf. In einem danebenliegenden Raum steht eine Holzsäge, die für Holzschnitzarbeiten gebraucht wird. Zwei weitere Räume werden für den Unterricht genutzt.

In der Werkstatt arbeiten bisher 4 Personen in fester Anstellung: die Leiterin der Werkstatt, eine Frau, die die Felle vorbearbeitet, und zwei Nachtwächter. Die Stellen einer Werklehrerin und einer Reinigungskraft werden vom Technikum in Milkowo gezahlt. Insgesamt besteht das ständige Kollektiv also aus 6 Personen und mehreren Schülerinnen. Darüberhinaus betätigen sich mehrere ehemals arbeitslose Frauen aus dem Dorf in der Werkstatt. Sie erscheinen regelmäßig zur Arbeit, was ihrem Leben Stabilität gibt. Für das Rohmaterial bezahlen sie selbst
.

Die Frauen - auch die Schülerinnen - erfahren, dass ihre Fähigkeiten und ihr Können geschätzt werden, und dass ihre Produkte durchaus Wert auf dem lokalen Markt haben.

Die meisten der Produkte sind aus Rentierleder gemacht. Die Werkstatt erhält die Rentierfelle von Hirten, die eigene Tiere besitzen und die Felle gegen einen fairen Preis verkaufen oder sie sogar verschenken. Die Frauen nähen u.a. Stiefel, Mäntel, Handschuhe, Mützen, Hauspantoffeln, Westen und verschiedene kleine Souvenirs wie Kettenanhänger und verzierte Beutelchen. Die Schülerinnen erlernen traditionelle Arbeitstechniken, aber auch den Umgang mit elektrischen Geräten und Nähmaschinen.

Kunden der Werkstatt sind in- und ausländische Touristen, die im Sommer den Bystrinski-Bezirk besuchen. Sie erwerben v.a. die kleineren Waren, die sich gut im Reisegepäck transportieren lassen. Einheimische Rentierhirten, Jäger, Geologen und andere Privatpersonen kaufen ebenfalls in der Werkstatt. Seit die Versorgung mit der im Sozialismus eingeführten russischen Winterkleidung eingestellt wurde, interessieren sie sich wieder für die traditionelle Fellkleidung, die ohnehin besser als jede industriell gefertigte Ware warm und trocken hält
.



Felle werden mit dem traditionellen Schabeisen bearbeitet.

Die Apparate, die Leder weich schleifen, werden von ausrangierten Waschmaschinenmotoren angetrieben.

Inzwischen ist die Werkstatt zu einem Ort der Geselligkeit für die Frauen des Dorfes geworden. Natalja Kirjakowna fordert die Zaungäste auf, sie sollen doch dableiben und ebenfalls nähen. Vielleicht werden sie sich, wenn sie den Erfolg der Werkstatt sehen, tatsächlich einklinken.

Natalja Kirjakowna arbeitet von 9 Uhr morgens bis oftmals 11 Uhr nachts und später in der Werkstatt. (Ihre drei Kinder überlässt sie der Obhut ihrer jüngeren Schwester.) Die anderen Mitarbeiterinnen kommen nach und nachzwischen 10 und 11 Uhr. Sie bleiben z.T. ebenfalls bis kurz vor Mitternacht. Natalja Kirjakowna spornt ihre Mitarbeiterinnen an und berät sie. Sie kümmert sich um die Materialbeschaffung und die Schulung junger Frauen. Sie schafft Souvenirs in den Museumsladen nach Esso, wo die Sachen besonders guten Absatz finden. Sie kämpft bei der Verwaltung dafür, dass die Werkstatt von Steuern befreit wird und auch keine Miete oder Stromkosten bezahlen muss. Kurzum: Sie ist die Seele der Werkstatt.

Mit der Gründung des Nähkollektivs habe sie sich einen Traum erfüllt, sagt sie. Allerdings läuft die Sache noch nicht ganz nach Wunsch. Einmal war die Auftraggeberin einer großen Jurtenbedeckung aus mehreren Dutzend Rentierfellen ihrer Zahlungsverpflichtung nicht nachgekommen. Die Kundin verspätete sich sehr mit der Bezahlung. Außerdem sei man sich, so sagt Natalja Kirjakowna, mit der Preisgestaltung noch nicht so sicher, insbesondere bei den Souvenirs für Touristen. Die Produktion ist auch noch nicht so richtig auf die Nachfrage eingestimmt. Es fehlt gelegentlich der rasche Nachschub. Es muss sich erst noch ein Rhythmus einspielen, wonach im Winter auf Vorrat produziert wird, so dass für den Sommer ausreichend vorgesorgt ist. 



Die Verkaufsecke der Werkstatt.

Der Bereich der Holz-, Knochen- und Geweihbearbeitung nimmt einen beträchtlichen Anteil in der Werkstatt ein. So wurden von dem Geld der Stiftung Umverteilen eine ganze Reihe an guten Instrumenten hierfür gekauft. In einem Kurs, den eine Künstlerin aus Esso, Marina Borisowna Woronowa, im Juli 2002 in Anawgai abhielt, lernten junge Frauen und auch einige junge Männer das Schnitzhandwerk.



Marina Borisowna lehrte zuerst die Handhabung des Werkzeugs.



Auch die Bearbeitung von Knochen, Geweih und Holz unterrichtete Marina Borisowna.

Für die Werkstatt wurde durch die Buchhaltung der Schule von Anawgai ein Spezialkonto eingerichtet, so dass alle finanziellen Vorgänge über ein offizielles Konto laufen, das regelmäßig von einer unabhängigen Steuerkommission geprüft wird (auch wenn es von Steuern befreit ist). Einen Teil der Einnahmen - ca. 10 % - leitet Natalja Kirjakowna auf das Konto der Werkstatt, damit hiervon Material nachbeschafft werden kann. Den restlichen Teil bekommen die Mitarbeiterinnen mit nach Hause.

Für das Projekt fand sich Förderung durch die Berliner Stiftung Umverteilen e.V., die einen Betrag von 4.000.- Euro bereitstellte. Wir sind der Stiftung sehr dankbar hierfür, denn mit diesem Geld konnte dem Projekt in seiner ersten Phase kräftig auf die Beine geholfen werden. Es wurde damals v.a. die Anschaffung von Arbeitsgeräten und Rohmaterial finanziert.

In einer zweiten Projektetappe konnte dank privater Spenden die Renovierung des Daches vorgenommen werden, das sich nach dem langen Leerstand in wenig zuverlässigem Zustand befand.



Natalja Kirjakowna stieg selbst auf das Dach, um sich ein Bild von seinem Zustand und den notwendigen Reparaturen zu machen.

Im Rahmen einer dritten Projektetappe wurde die Instandsetzung der Innenräume der Werkstatt finanziert. Das Projekt ist mittlerweile abgeschlossen. Im Herbst 2010 erreicht uns aus einen anderen Ort ein ähnlicher Antrag, den wir nun prüfen.