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Schule auf Kufen für Rentier-Nomaden, 2007/2008

Warum sollen die Kinder von Nomaden entweder auf ihre Familie oder auf Schulbildung verzichten? In Russland ist es üblich, dass die Kinder von Rentier-Nomaden wie den Nenzen, Chanten oder Ewenken den größten Teil des Jahres in Internaten, fernab von ihrer gewohnten Umgebung, aufwachsen. Ein Unterricht in sehr kleinen Dörfern oder gar während der Wanderschaft mit den Tieren ist im russischen Schulsystem nicht vorgesehen. Auch wenn die Kinder die langen Sommerferien meist bei den Eltern verbringen, sind die Folgen für die Schüler und ihre Eltern unübersehbar: Entfremdung zwischen Kind und Eltern, Verlust der eigenen kulturellen Identität, mangelnde Kenntnisse für das Leben in Tundra und Taiga.


Ein der ewenkischen Familie mit dem Lehrer Alexander Gabyshev

Im Februar 2006 hat der französisch-ewenkische Verein SEKALAN mit der Unterstützung von pro Sibiria e.V. daher ein Pilotprojekt gestartet. Im Amur-Oblast leben rund 10 Prozent der etwa 30.000 Ewenken. Im Nord-Osten des Oblast liegt das Dorf Ust-Njukzha der Ewenken. Von hier brechen die Nomaden im Frühjahr zu ihren Wanderungen mit den Rentieren auf, damit diese gutes Weideland an den Ausläufern des Stanowoigebirges finden.

 

Die ersten Schülerinnen lernen bereits eifrig

Ziel des Projektes ist es, rund 25 ewenkische Schüler durch erfahrene Lehrer zu unterrichten, während sie mit ihren Familien den Rentieren folgen. Drei Lehrerinnen und ein Lehrer vermitteln den Kindern je nach Altersstufe nicht nur das Wissen der russischen Standardlehrpläne und Basiswissen im Umgang mit Computern. Sie unterrichten die Kinder auch noch in Ewenkisch, Englisch und versuchen Ihnen ein Einblick in das Leben in anderen Regionen der Welt zu vermitteln. Begleitet werden die Lehrer von ein bis zwei Führern, die selbst Ewenken sind. Sie kümmern sich nicht nur um die praktischen Details (Schlittenbeladen, Zelte aufbauen, tlw. kochen, Hilfe bei der Betreuung der Rentiere usw.), zudem sollen sie ihr Wissen über die ewenkischen Traditionen und Kultur sowie das Wissen um die Vorgänge in der Natur weitergeben. Ein gewünschter Nebeneffekt des Unterrichts in den Zelten der 7-10 Camps ist es, dass auch die Eltern sich mit dem Schulstoff auseinandersetzen, neue Kenntnisse erwerben und ihr traditionelles Wissen mit den Lehrern und Führern austauschen.

Das Projekt ist zunächst auf vier Jahre angelegt und wird von dem Direktor der örtlichen Dorfschule und der lokalen Schulbehörde dahin gehend unterstützt, dass das Bildungsprojekt offiziell anerkannt werden und die Lehrer und Führer über die Behörde sozialversichert werden, sowie ein minimal Ausstattung des Projektes garantiert wird. Dennoch sind die Löhne für das Projektpersonal sehr niedrig. Sie liegen selbst noch unter den Standardlöhnen für russische Lehrer. Da es aber wichtig war Lehrer zu finden, die einerseits erfahren sind und anderseits selbst Ewenken sind bzw. das nomadische Leben mit Rentieren gewohnt sind, fördern SEKALAN und pro Sibiria e.V. vor allem die Finanzierung der Stellen. In einem zweiten Schritt wird nun nach weiteren Unterstützer gesucht, da nicht zu erwarten ist, dass die lokale Schulbehörde genug Mittel für den laufenden Betrieb und eine angemessene Bezahlung der Lehrer zur Verfügung stellen kann.


Die Lehrerin Maria Maximowa mit der Vorschülerin Nadejola

Außerdem soll den Kindern und ihren Eltern auch das Internet erschlossen werden. Dies wird auch in Sibirien immer notwendiger, damit den Ewenken nicht die Möglichkeiten der Vernetzung und des Lernen über das weltweite Kommunikationsnetz versagt bleibt. Zur Zeit lernen sie den Umgang mit Computern nur an einem Laptop, das Alexandra Lavrillier mit gebracht hat. Zukünftig gilt es nun den Computer (dessen Akkus übrigens mit Hilfe eines kleinen Generators auf dem Zeltofen aufgeladen werden) über ein Sattelitentelefon auch kurz mit dem Internet zu verbinden um Emails auszutauschen oder Einblick in die Welt abseits der sibirischen Heimat zu bekommen. Da die Kosten für die Verbindungen hoch sind, hoffen wir, dass eine größere Institution zumindest eine Zeitlang dafür aufkommt.

Ein neuer Schüler kommt an

Auch wenn der Zugang zum Internet vom Zelt in der sibirischen Taiga noch ein Traum ist, benötigt das Projekt weiterhin ihre Unterstützung, damit zumindest die Löhne der Lehrer und Führer bis zum Ende der Pilotphase gezahlt werden können. Sofern das Projekt dann auch von den lokalen Schulbehörden als erfolgreich anerkannt wird, sollte einer stärkeren Förderung durch staatlichen Stellen nichts mehr im Wege stehen.